Ich habe diesen Artikel schon vor einigen Jahren verfasst, finde ihn aktuell aber immer noch passend und stelle ihn daher - leicht gekürzt - noch mal zur Verfügung.

Norma Gäbler

ZUR PROBLEMATIK HOMÖOPATHISCHER STUDIENDESIGNS ALLGEMEIN UND AM BEISPIEL DER MULTIPLEN SKLEROSE
 

Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass die (meist) schulmedizinische Seite "Beweise" in Form von Studien verlangt, wie sie auf ihrem eigenen Gebiet zwar anerkannt sind, jedoch nur für 20% aller Therapien und Medikamente überhaupt erstellt werden. Nur 5 % davon erweisen sich als signifikant.

 

Ein bekanntes Prinzip aus der Statistik und der empirischen Forschung heißt:

Wenig Variablen - viele Fälle. Beispiel: Diagnose MS mit schubförmigem Verlauf und ein bestimmtes Beta-Interferon. Und im Umkehrschluss: Je mehr Variablen - wie in der Homöopathie nötig, um ein geeignetes Mittel für diesen gegenwärtigen Zustand des Patienten zu finden, also viele individuelle Charakteristika eines einzelnen Patienten - desto weniger Fälle.

Es gibt ein grundlegenden Problem bei der Konzeption von Forschungsdesigns zur Überprüfbarkeit der Wirksamkeit einer homöopathischen Mittelgabe: Das Problem besteht darin, im Vorhinein nicht sagen zu können, welche vielfältigen Aspekte des Krankheitsbildes, der Konstitution sowie der situativen Befindlichkeit des Patienten bei der Mittelfindung eine Rolle spielen werden.

Damit aber ist ein Element "klassischer Wissenschaftlichkeit", nämlich die Reproduzierbarkeit unter angebbaren Bedingungen, nicht mehr gegeben.

Deswegen ist Homöopathie keine nicht-wissenschaftliche Arbeitsweise, sondern sie entzieht sich einem bestimmten Blickwinkel der deskriptiven wie auch der schließenden Statistik. Es geht hier um nicht weniger als um eine detaillierte Prognostik auf individueller Ebene. Dies maßt sich zurecht keine vergleichende Untersuchung zur Medikamentenwirksamkeit an.

Bei nahezu allen schulmedizinisch inspirierten Studien geht es um einen bestimmten Bereich der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf der Basis der "Statistik der großen Zahl". Genau aus diesem Grund werden Studien mit beispielsweise 50 Teilnehmern über einen Zeitraum von 3 Monaten als nicht repräsentativ und damit ohne Aussgekraft für Verallgemeinerungen diskreditiert, auch wenn ihre Intension eine andere war, als verallgemeinerungsfähige Aussagen zu produzieren. Es ist leicht vorstellbar, wie gewaltig der personelle, zeitliche, finanzielle und logistische Aufwand für eine Studie wäre, die z.B. 1000 Personen über einen Zeitraum von 10 Jahren untersucht, bezogen auf - sagen wir - 10 oder 20 der wichtigsten zur homöopathischen Mittelfindung nötigen Informationen (=Variablen), die sich in diesem Zeitraum auch noch erheblich verändern können, möglicherweise ganz verschwinden oder neue hinzu kommen.

Es würde zudem nicht reichen - wie beispielsweise in einer randomisierten Doppelblindstudie - dass die Patienten innerhalb der Verum-Gruppe alle das identische Medikament bekommen, was unabhängig von der verabreichenden Person erfolgen kann. Vielmehr müssten die Behandler alle nach gleichen Standards, gleichen Repertorien, und vor allem mit den gleichen Mittel-Ideen arbeiten. Auch in der Homöopathie heißt Verstehen immer noch Interpretieren.

Ein vergleichendes Forschungsdesign, das diese Voraussetzungen erfüllt, fände in einer Welt statt, in der wir alle nicht leben wollten. Das wäre eine Gleichschaltung von Interpretationsmustern, die keinen Spielraum mehr dafür ließe, was uns schließlich alle umtreibt: Die Vermehrung von Wissen. Unter anderem auf der Basis von Forschung.

Bei der Beschreibung eines individuellen Behandlungsverlaufes rückt ein Aspekt in den Mittelpunkt, der bei Studien mit großen Personengruppen zurecht getrost vernachlässigt werden kann: Die Frage der Kontingenz. Hätte nicht alles auch ganz anders laufen können? Auf der individuellen Ebene muss sich jeder Patient und jeder Behandler bei unbefriedigendem Behandlungserfolg die Frage stellen, ob er nicht mit einer alternativen Behandlung (z.B. andere Medikation, andere Dosis etc.) zu einem günstigeren Ergebnis gekommen wäre. Bei einer Studie mit hohen Fallzahlen löst sich diese Frage durch die Gruppierung von Verum-, Placebo- und Alternativmedikationsgruppe auf scheinbar elegante Weise auf. Wenn die Verumgruppe, bezogen auf die gewählten Parameter, nachweisbar besser reagiert, wird automatisch die Schlussfolgerung gezogen, dass dies der Großteil der Placebogruppe bei Einnahme des Verums auch getan hätte. In der Homöopathie wäre eine solche Schlussfolgerung völlig undenkbar und nicht lege artis.

 

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Patient mit einem bestimmten Symptomenkomplex bekommt nach individueller Analyse das homöopathische Mittel A. Er reagiert gut. Ein anderer Patient mit dem gleichen Symptomenkomplex bekommt nach individueller Analyse das homöopathische Mittel B. Er reagiert - bezogen auf die gleichen Parameter - weniger gut. Kein ernst zu nehmender Klassischer Homöopath käme nun auf die Idee zu denken: Hätte ich meinem 2. Patienten nur auch Mittel A gegeben, dann ginge es ihm jetzt auch besser. Er wird nach einem Fehler in seiner Verschreibung suchen. Bei welchem Mittel die Fehlersuche endet, ist zu diesem Zeitpunkt völlig offen.

Die Frage der Kontingenz können letztlich weder schulmedizinische noch homöopathische Behandler beantworten.

Vielleicht sollten sich "beide Seiten" zunächst auf diese gemeinsame Basis verständigen.

 

Verhaltensforscher haben lange versucht, die Sprachfähigkeit von Affen zu erforschen. Nach heutigem Wissensstand ist diese Frage unsinnig, weil Affen physiologisch-anatomisch nicht in der Lage sind zu sprechen. Intelligenz und Sprachfähigkeit sind, wie wir alle wissen, eng miteinander verknüpft. Sollen wir allein aus dem Umstand, dass Affen nicht sprechen können, schließen, sie seien weniger intelligent? Oder reduziert sich die Frage der Intelligenz nicht dadurch schon von vornherein auf Unseresgleichen?

Soll heißen: Ich kann nur zulässige Aussagen innerhalb eines vergleichbaren Systems treffen.

Das Beispiel zeigt nur, dass ich die Intelligenz von Affen nicht über ihre Sprachfähigkeit beurteilen kann. Es sagt mir nichts darüber, ob Affen intelligent sind und wie ich ihre Intelligenz sonst messen könnte, sondern nur, dass Sprachfähigkeit bei Affen der falsche Indikator für Intelligenz ist.

Gleiches gilt für die Wirkung eines homöopathischen Arzneimittels. Aus schulmedizinischer Sicht muss bei gleicher Indikation ein Mittel bei allen Patienten ein ähnliches Wirkungsspektrum haben. Und das hat es in der Homöopathie nicht. Daraus lässt sich aber nicht auf die Wirksamkeit des Mittels schließen.

Wenn ein Schulmediziner mit dem Anspruch auf ein ganzheitliches Verständnis in der Anamnese an mehr Informationen über einen Patienten gelangt als bei rein symptomatischer Betrachtungsweise, so führt dies nicht zwangsläufig zu einer Verbreiterung seiner Behandlungsoptionen oder Möglichkeiten. Dennoch fühlen sich die meisten Patienten besser angenommen und verstanden.

Der Schulmediziner hat günstigstenfalls nur die Wahl zwischen vorgegebenen wenigen Behandlungsmöglichkeiten - z.B. bei schubförmiger MS: Basistherapie Nr. 1, 2, 3 oder 4, die alle einen ähnlichen immuntherapeutischen Ansatz haben, ähnlich wirken und ein ähnliches Nebenwirkungsspektrum haben. Das "Mehr an Informationen" führt nicht zwingend zu einer anderen Behandlung.

Homöopathisches Denken hingegen sagt: Je mehr individuelle Informationen ich habe, umso besser wird die Qualität meiner Verschreibung. In der Homöopathie gibt es erstmal keine von vornherein unwichtigen Informationen. Potenziell sind sie alle wichtig. In der Abgrenzung, Auswahl, Bewertung und Hierarchisierung der Symptome besteht gerade ein wesentlicher Teil der homöopathischen Arbeit.

Blasenschwäche, Depressionen oder Sehnerventzündungen als häufige Begleiterscheinungen im Krankheitsbild der MS beispielsweise führen in der Schulmedizin zur symptomorientierten Einzelmedikation, oft zusätzlich zur Basismedikation. (Ein Medikament für die Blase, ein Medikament gegen die Depressionen, ein Medikament, um den Entzündungsprozess/das Ödem um den N.opticus bei einer Sehnerventzündung zu dämpfen etc.)

Wie bewerte ich solche Symptome in der Homöopathie? Es kommt darauf an!

Erstens reichen sie allein zur Mittelfindung nicht aus. Zweitens brauche ich die "Idee des Falles". Diese "Idee" liefert mir erst die Vielfalt und das Ordnen der Informationen.

Gesucht wird also ein Mittel, das nicht nur einen möglichst großen Bezug zu den genannten drei Erscheinungen hat, sondern auch den Gesamteindruck des Patienten am besten abbildet.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, auf ein "Mehr" an Information mit einem "Besser" in der Medikation reagieren zu können.

Diese "bessere" Verschreibung bezieht sich nicht auf die schulmedizinische Alternative, sondern auf die homöopathische "Verschreibungssicherheit" in Bezug auf eine anamnestische Ausgangssituation mit weniger Informationen.

 

Letztlich geht es bei allen diesen homöopathischen Studien ja generell nicht darum, ein Medikament für eine Krankheit zu prüfen - wie es schulmedizinisch üblich ist - sondern darum, die Wirksamkeit der HOMÖOPATHIE als Prinzip zu beweisen.

Es ist etwas ganz Normales und in liegt in der Natur der Sache, dass Arzneimittelstudien unter anderem dazu dienen, im Endeffekt ein Produkt zu verkaufen.

Bei der Homöopathie geht es nicht darum! Niemand rennt Apothekern oder Pharmakonzernen, homöopathischen Ärzten oder Heilpraktikern die Bude ein, um sich (das preiswerte) Sulphur C 1000 zu beschaffen, weil er ein Hautproblem hat und eine Studie sagt, dabei würde Sulphur helfen.

Hinzu kommt, dass es in bestimmten akademischen Kreisen einen kolossalen Druck zur Veröffentlichung gibt, der mit Sicherheit die Zahl der Studien nicht unerheblich beeinflusst. (Assistenten können nur an der Uniklinik bleiben, wenn sie ausreichend publizieren, die Publikationsnot wird nur mit Geldern aus der Industrie gedeckt und der lächerliche Grundlohn der Uni-Ärzte wird durch horrende Vortrags-Seminare der Industrie aufgebessert.)

Niemand verdient an homöopathischen Studien und wird jemals daran verdienen können.